Die Revolution frisst vielleicht ihre eigenen Kinder

Jan Schmidt hat sich Zeit genommen und für das Medienmagazin Berliner Journalisten einen Essay zum allseits umstrittenen Thema “Blogs und Journalismus” verfasst. Man muss ihm dankbar dafür sein, dass er das aufgreift, was - so würde ich mal tippen - der Großteil des Longtails denkt (Zahlen wären interessant).

Statt als direkte Konkurrenz lassen sich Weblogs also eher komplementär zum Journalismus begreifen, denn sie ermöglichen Anschlußkommunikation, die massenmediale Botschaften in kleinere soziale Netzwerke trägt und dort weiter verbreitet. Dies schließt nicht aus, dass sich in der Blogosphäre themen- oder anlassbezogene Öffentlichkeiten bilden, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufgreifen und den Diskurs sowie die politische Mobilisierung fördern. Beispielsweise artikuliert sich die Kritik an den Einschränkungen von Freiheitsrechten durch die Bundesregierung – Stichworte wären hier etwa Vorratsdatenspeicherung und „Stasi 2.0“ – maßgeblich in Weblogs, wo auch für Demonstrationen und die bislang größte Verfassungsbeschwerde geworben wurde. Im Verhältnis zu der Aufmerksamkeit, die der professionelle Journalismus kanalisieren kann, handelt es sich jedoch um kleine Publika. Eine Überhöhung von Weblogs zur gesellschaftlichen Gegenöffentlichkeit wie umgekehrt die Banalisierung ihre Inhalte als „Laienjournalismus“ hilft deswegen nicht weiter, sondern erschwert den Blick auf die tatsächlichen Veränderungen in den vernetzten und individualisierten Öffentlichkeiten des Internets.

Den wenigsten von uns stehen Quellen jenseits der klassischen journalistischen Erzeugnisse zur Verfügung, ob man diese nun kritisch beäugt oder lediglich weiterverbreitet, spielt dabei keine entscheidende Rolle. Der Unterhalt eines politischen Blogs ist ohne überhaupt nicht denkbar, ist man nicht zufällig von Berufswegen ständig an den interessanten Orten der Welt. Man mag einwenden, dass es deutschen Bloggern an Gelegenheiten fehlt, sich einen Watchblogstatus zu verdienen, allerdings ist das selbst an geschehensreicheren Orten nicht viel anders. Dramatische Beiträge sind selbstverständlich nicht gleichzusetzen mit besonderen journalistischen Fähigkeiten, vielmehr hat man es lediglich mit meist unbeteiligten Beobachtern zu tun, deren Zeugnis allzu leicht vergessen werden könnte, gäbe es nicht Initiativen wie Global Voices

Es ist deshalb auch etwas bizarr, dass sich gerade Blogger und Journalisten anfeinden, die sich eigentlich qualitativ befruchten müssten. Eine gute Reportage wächst durch zusätzliche Meinungen und ein guter Blogeintrag durch Verweise auf mühsam erarbeitete Reportagen. Was beide Gruppen jedoch nicht mögen können, sind großen Nachrichtenseiten, die mit Klatsch und Praktikanten ein Angebot finanzieren, dass der Markt eigentlich nicht braucht (er weiss es nur noch nicht). 

Angenommen der Politikteil der Süddeutschen Zeitung sei sehr investigativ und angenommen der Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sei gesellschaftlich sehr bedeutsam, warum kommt es auf den Seiten dieser Zeitungen so rüber, als sei für sie Reise, Auto und Sport genauso wichtig? Warum keine Schwerpunkte setzen und sich auf deren Verbreitung durch Links konzentrieren (von mir aus mit ellenlangen Bilderserien)? Warum schreibt z.B. Heribert Prantl keinen Blog? Die bürgerrechtlich über alle Maßen interessierte Blogosphäre würde ihm sicher zuhören, wie man in den USA schon lange den thematisch spannenden und qualitativ hochwertigen New York Times Blogs von Paul Krugman oder Dubner/Levitt zuhört. 

Ich fürchte, am Ende wird doch wie nach der französischen Revolution nur eine Art Restauration folgen und die neuen Medien personell und formell zu einem bestimmten Teil in den alten integriert werden, ob man will oder nicht. Es geht eigentlich schon heute darum, wesentliche Bestandteile der “Bloggerkultur” zu retten und nicht frühzeitig vor den Falschen zu kapitulieren, weil die Armee (womöglich) hungert

 

 

 

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Kommentare

4 Kommentare zu “Die Revolution frisst vielleicht ihre eigenen Kinder”

  1. Jane Doe schrieb am 16. April 2008 um 13:00:31

    Revolution? Gehört da nicht dazu, dass erst mal der König geköpft oder zumindest verjagt wird? Oder hab ich das vielleicht nur verpasst?

  2. Markus schrieb am 16. April 2008 um 18:11:56

    Das ist bislang noch nicht passiert, aber ich habe keine großen Zweifel, dass es so weit kommen wird, wenn auch nicht ganz so grausam wie damals. Aber sowohl in den traditionellen Medien als auch in der Blogosphäre werden langsam andere den Ton angeben und so wird sich die Beziehung Blogger-Journalist ganz natürlich verändern. Wenn Leute wie Schirrmacher oder Jörges der Vergangenheit angehören, werden gute Blogger vielleicht auch für die entsprechenden Formate rekrutiert, was sie allerdings nicht von Studium und Voluntariat entbinden sollte ;), wie an mir selber merke.

  3. Tarzan Doe schrieb am 18. April 2008 um 03:24:15

    Wenn, dann seh ich die Revolution eher in Sachen wie myspace (also die Möglichkeit eigene Musik einfach und bequem für jeden zugänglich zu machen, nicht den Social-Network-Scheiß) und die Unterwanderung der Musik- und Filmindustrie durch p2p, als durch diese selbstgefällige Bloggerszene ;)

  4. Markus schrieb am 18. April 2008 um 08:44:48

    das steht außer Frage, die Entwicklung in ihrer Breite war immer interessanter als die Allüren der Blogger. Aber MySpace ist nunmal auch ein (Scheiß) Social Network und hat gegenüber einem privaten Blog (in dem man ebenfalls sehr leicht Musik zugänglich machen kann) entscheidende Nachteile. vgl. z.B. das sehr gut gemachte Musik-Blog ...

    Wenn es nicht gerade so unrealistisch wäre, würde ich für (Bürger)netzwerke plädieren, die bislang nicht an Innovation und Technik, sondern am fehlenden Marketing scheitern. Auch will Jeder nach einer Zeit Geld verdienen und es ginge nur anders, wenn man wie bei Wikipedia das “Lenkrad aus dem Fenster schmeissen” würde, so dass es für keinen Entwickler mehr ein zurück gibt.

    Ich hoffe immer noch, dass es gelingt das kommerzielle Netz in die Strukturen zu fassen, die es in der Offlinewelt auch gibt d.h. Vereine, Verbände und Gesellschaften, aber eben nicht nur

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